{"id":195,"date":"2012-11-12T20:40:26","date_gmt":"2012-11-12T18:40:26","guid":{"rendered":"http:\/\/familie-woehl.de\/?page_id=195"},"modified":"2019-01-25T17:51:33","modified_gmt":"2019-01-25T17:51:33","slug":"wilhelm-wohl-3-1-und-friederika-kahler-3-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/familie-woehl.de\/?page_id=195","title":{"rendered":"Wilhelm W\u00f6hl (3.1) und Friederika K\u00e4hler (3.2)"},"content":{"rendered":"\n<p>Beide k\u00f6nnen wir schon mit Bild vorstellen. Die Aufnahme stammt von ihrer Silberhochzeit am 1.November 1914. Sie sind darauf 52 bzw. 48 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie erw\u00e4hnt, ist Wilhelm der j\u00fcngste Sohn von Friedrich und Maria W\u00f6hl geb. Vitense aus dritter Ehe. Das sind die mit &#8222;mien Kinner, din Kinner un uns Kinner\u201d. F\u00fcr die Arbeit im Moor ist Wilhelm zu schw\u00e4chlich und wird darum nach dem Wunsch des Vaters Schuhmacher. In seinem Handwerk ist er unerh\u00f6rt exakt und kann sogar feine Reitstiefel machen. Aber die Auftr\u00e4ge fehlen sp\u00e4ter. Wilhelm ist zwar recht gescheit, aber kein guter Gesch\u00e4ftsmann wie etwa die Bertram-Schuster. Er ist eher scheu und sehr wortkarg.<\/p>\n\n\n\n<p>Oma Rieke erz\u00e4hlt ihre Heiratsgeschichte:<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kennen sich aus der Kindheit, denn <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grambow_(bei_Schwerin)\" target=\"_blank\">Grambow<\/a> geh\u00f6rt zum <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/www.kirche-mv.de\/Gross-Bruetz.21917.0.html\" target=\"_blank\">Kirchspiel Gro\u00df Br\u00fctz<\/a>. Man hat sich beim Gottesdienst gesehen. Inzwischen war Wilhelm, wie es \u00fcblich ist, als Handwerksbursche auf Wanderschaft, sogar in Hamburg. Nun sehen sie sich in Schwerin auf dem Werderfest wieder. Am Werderholz ist ein Sch\u00fctzenplatz, wo im Sp\u00e4tsommer immer der \u00fcbliche Rummel stattfindet. Die lustige 22j\u00e4hrige Rieke will dort nicht fehlen, und der 26-j\u00e4hrige Wilhelm denkt ans Heiraten, denn er m\u00f6chte sich in Schwerin selbst\u00e4ndig machen. Er trifft sich nun \u00f6fter mit Rieke, ist aber nicht sehr beredt und gesellig, aber, was er sagt, hat Gewicht, wie Rieke betont. So fragt er sie aus heiterem Himmel: &#8222;Rieke, wov\u00e4l hest?&#8220; . Sie zeigt ihm ihr Sparbuch, das man zu der Zeit immer auf der Brust bei sich tr\u00e4gt, und labt sich an seinem freudig \u00fcberraschten Gesicht. Dann zeigt er ihr sein Sparbuch und sagt nur: &#8222;Dat langt.&#8220; Umst\u00e4ndlich holt er Verlobungsringe aus der Westentasche und gibt Rieke einen mit dem Wort: &#8222;Da&#8220;. Weiteres Gerede er\u00fcbrigt sich ja eigentlich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie soll nun Oma Riekes Enkel Bruno (5.1) seine Gro\u00dfmutter beschreiben; objektiv sicherlich nicht, denn Bruno ist f\u00fcr sie voreingenommen. Sie ist seine Lieblingsoma, und sieht sie darum ganz anders als seine Mutter Martha(4.2) ihre b\u00f6se Schwiegermutter. Zumindest ist Rieke eine \u00e4u\u00dferst t\u00fcchtige und arbeitsame Frau, gebefreudig von gro\u00dfer Herzensg\u00fcte. Was sie bei manchen in Misskredit bringt, ist ihr &#8222;freches Mundwerk&#8220;, wie Martha es nennt. Wenn Rieke eine Frechheit losgelassen hat, sagt sie selbst: \u201cIck hew er dat `n b\u00e4ten fin g\u00e4ben.\u201d So fein, dass man es \u00fcberh\u00f6ren konnte, wird es zumeist nicht gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Heirat mit Rieke l\u00e4sst sich nun Wilhelm als selbst\u00e4ndiger Schuhmachermeister in Schwerin nieder. Die erste Wohnung in der Paulstra\u00dfe erweist sich bald als zu klein. Es gl\u00fcckt dann, eine billige Behausung bei Barbier Heiden in der Johannesstra\u00dfe 1 <em>(siehe \u00fcber\u00a0google maps!)<\/em>\u00a0zu bekommen. Aus diesem Haus k\u00f6nnte man allerlei Eulenspiegeleien von weniger chronistischem Wert erz\u00e4hlen, z.B. diese: Oben im fr\u00f6hlichen Ausguck unter dem Dach hauste der Barbierlehrling in einer sehr bescheidenen Kammer. Bald beschwert man sich beim Chefbarbier Heiden dar\u00fcber, dass dieser Bengel sein Waschwasser immer aus dem Mansardenfenster auf die Stra\u00dfe sch\u00fcttet und Passanten trifft. Der Figaro fragt ihn: &#8222;Wor\u00fcm deest du dat?\u201d. Der Bengel weist auf den Ausguss unter dem Wasserhahn und sagt ganz erstaunt: \u201cIck dach, dor k\u00f6m dat saubere rin.\u201d Wasserleitung ist n\u00e4mlich in Schwerin zu dieser Zeit eine Neuerrungenschaft. Auf dem Lande gibt es nur den Soot. Auf Bildern sieht man noch den langen &#8222;Swengel&#8220;, mit Hilfe dessen man einen Eimer tief in einen Brunnenschacht hinabl\u00e4\u00dft. Handpumpen gibt es noch gar nicht so lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei gro\u00dfer W\u00e4sche ist das Wasserholen aus dem Soot immer sehr m\u00fchsam. Oma Rieke erz\u00e4hlt aus ihrer Kindheit, dass sie immer f\u00fcr die Lehrersfrau Wasser geholt h\u00e4tte. Das h\u00e4tte sie aber viel lieber getan, als den &#8222;Katekiek&#8220; zu lernen. Viel mehr als den Katechismus hatte die Schule damals nicht zu bieten. Der Schneider des Dorfes war gleichzeitig der Lehrer. F\u00fcr seinen Unterricht sei Rieke nicht gescheit genug und solle darum lieber seiner Frau bei der W\u00e4sche helfen. Man wollte die Landkinder gar nicht so gescheit haben. Sonst w\u00fcrden sie nur in die Stadt abwandern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cOma, vertell nochmal, as du geburn w\u00fcrst!\u201d \u201cJa, min Jung, dat w\u00f6r ne Not. Donn w\u00f6r de Soot tofrorn (14. Dezember). Man k\u00fcnn keen Water kriegen, um mi tau waschen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm und Rieke haben nur ein Kind, n\u00e4mlich Richard (4.1). Leider erkrankt er bald an Rachitis (engl. Krankheit) und muss in seiner Kindheit ein St\u00fctzkorsett tragen. Es l\u00e4sst sich nicht verhindern, dass er bucklig verwachsen wird. Dennoch wird er ein richtiger Junge und hat immer den Spruch drauf: \u201cWat kickst? Hest noch keen Minschen sehn? Wist een in de Schnut?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelms Schusterei bringt nicht gen\u00fcgend ein. Rieke muss Putzstellen annehmen und auch als Waschfrau gehen. Sie legt Mark f\u00fcr Mark zur\u00fcck, aber die Inflation nach dem ersten Weltkrieg nimmt ihr alles wieder. Sie wird dies nie verwinden. Es ist auch eine schlechte Zeit. Die Leute lassen anschreiben, aber die redegewandte Rieke treibt es ein. Dennoch kommt man kaum \u00fcber <em>9 <\/em>Mark Wochenverdienst. Dennoch erm\u00f6glichen sie es, dass Sohn Richard die B\u00fcrgerschule besucht, was gar nicht so billig ist. Er soll es einmal besser haben als seine Eltern. Inwieweit dieser Wunsch in Erf\u00fcllung geht, h\u00f6ren wir bei der n\u00e4chsten Generation.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Wilhelm und Rieke sich praktisch gar nichts leisten. Er geht h\u00f6chstens am Sonnabend in den \u201cFleutend\u00f6rper Kroog\u201d in der parallelen Grenadierstra\u00dfe, kann sich aber das geliebte Skatspielen nicht leisten. Die Spieler, die gern einmal eine Pause machen wollen, lassen Wilhelm w\u00e4hrenddessen die \u201cKarten anfassen\u201d. Sie wissen, dass er sehr sicher spielt und so gut wie immer f\u00fcr sie gewinnt. F\u00fcr einen blanken Zehner leistet er sich eine kleine Tafel Schokolade, um sie seinem Enkel Bruno mitzubringen. Der freut sich aber auch zu dem Groschen. Wilhelm hebt die neugepr\u00e4gten blanken Zehnpfennigst\u00fccke immer f\u00fcr ihn auf. Woher Wilhelm so gut Skat spielt? Nun, er hat ja nicht viel Arbeit. Solange die Schuhe in der &#8222;Weekb\u00fctt&#8220; weichen, spielt er mit sich selbst auf dem Schusterbrett. Das ist die wichtigste seiner kleinen Freuden des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Rieke erfreut sich mehr daran, dass zu Hause alles gl\u00e4nzt und blitzt, nicht nur der Fu\u00dfboden, auch die schneewei\u00dfen Sofadecken und vor allem die Gardinen. Schwiegertochter Martha muss sie anbringen und ger\u00e4t in Verzweiflung, wenn Rieke dirigiert: \u201cNoch `n b\u00e4ten wierer na rechts. Holt, v\u00e4\u00e4l tau v\u00e4ll, h\u00f6chstens `n Millimeter!\u201d. Nach dem Gr\u00fcndlichreinmachen triumphiert sie dann: \u201cR\u00fcckt dat nich wedder sch\u00f6n frisch? Alle L\u00fcer kieken na mien Gardinen. Se sidden \u00f6wer ook wedder grootordig. Dat hett sogor Hasselfeldsch seggt. So witt s\u00fcnd se ook selten geraden!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Geselligen Umgang mit Freunden pflegen Wilhelm und Rieke kaum. Es w\u00e4re zu teuer, etwas anzubieten. Doch die Witwe des Milchh\u00e4ndlers W\u00f6hl (keine Verwandte) kommt oft und lange. Sie hat auch einen. Sohn Richard. Man sagt sehr h\u00f6flich: \u201cDu, Fru W\u00f6hl\u201d, und die andere sagt auch so. Stundenlang geht es hin und her: \u201cMien Richard\u201d und \u201cuns Richard\u201d. Dann ist der Enkel dran: \u201cNee, wat hett Bruno f\u00f6r h\u00fcbsche brune Oogen, un klook is he ook. Dat hett he bestimmt von sien Grootvadder.\u201d Nach 3- 4 Stunden Gerede ist dies das Startzeichen f\u00fcr Wilhelm. Er sagt nur: \u201cNu isst naug, Fru W\u00f6hl\u201d. Rieke beg\u00fctigt: \u201cUns Vadding meent dat nich so, kumm man `n anner Mal wedder!\u201d. Drau\u00dfen ist sie, wenigstens f\u00fcr diesmal, denkt man. Aber W\u00f6hlsch kommt noch mal zur\u00fcck: \u201clck wull noch von mien Huswirtin vertellen: &#8222;Du, Fru W\u00f6hl, weest jo, ick b\u00fcn jo \u00fcmmer still un ruhig, \u00f6wer donn s\u00e4\u00e4 iok, Fru Meier, s\u00e4\u00e4 ick \u2026&#8220;. Vaddings Drohgeb\u00e4rde gen\u00fcgt dann, um die gute Freundin des Hauses abzusch\u00fctteln. Zu seiner Frau sagt Vadding nur: &#8222;Frug!&#8220;. Dann wei\u00df sie, was die Uhr geschlagen hat und ist trotz ihrem &#8222;frechen Mundwerk&#8220; mucksm\u00e4uschenstill.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau M\u00f6ller, die sp\u00e4tere Barbiersfrau, zeigt Oma Rieke ganz stolz ihr neues Kleid. Diese sagt anerkennend: \u201cDat is w\u00fcrklich h\u00fcbsch, Fru M\u00f6ller, blot Se d\u00fcrften dat nich dr\u00e4gen. Na, wenn morgens all Schokolur ut de Nachtdischschuwlar fret, denn salln woll dick warden.\u201d \u201cIck verstaa gor nich, wor\u00fcm M\u00f6llersch dor\u00f6wer beleidigt is\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenan, Johannesstr.3, wohnt Riekes Bruder Heinrich im Dachgescho\u00df mit seiner Frau, die alle &#8222;de Dick&#8220; nennen. Es ist nur noch Tochter Lisbeth da, denn Sohn Friedrich ist in die Schweiz ausgewandert, und Sohn Rudolf ist nach Hannover gezogen. Heinrich K\u00e4hler mit der Dicken und Lisbeth kommen ab und zu zum Kaffee zu Rieke und Wilhelm. Heinrich ist Bahner und erfreut sich darum gro\u00dfen Wohlstands. Im Keller hat er sich einen Stuhl aufgestellt, um stundenlang neben seinen Brikette sitzen zu k\u00f6nnen wie auf einem Geldsack. In Brunos Augen hat er so feine Manieren wie sein Vater &#8222;Botter-K\u00f6hler&#8220;, der ja auch als einziger mit der &#8222;Gn\u00e4\u00e4 Fru&#8220; tanzen durfte. Kein Auftritt ohne Manschetten, &#8222;Buernbedreger&#8220; und &#8222;Vaterm\u00f6rder&#8220;. Nach dem Kaffee freut sich schon Bruno auf den Moment, in dem er seine Tasse umdreht, und macht es ihm selbstverst\u00e4ndlich mit derselben vornehmen Geste nach. Die rothaarige Lisbeth, die mit 40 immer noch nicht heiraten darf, verdingt sich als Wei\u00dfn\u00e4herin. Sie ist vornehm wie &#8222;Botterk\u00f6hler&#8220; und ihr Vater Heinrich. Ihr &#8222;J\u00e4\u00e4\u00e4\u00f6\u00f6\u00f6&#8220; klingt wie das N\u00e4seln eines Obersten. Nur wenn Vetter Richard (4.1) sie anspricht: &#8222;Lisbeth gehst wedder b\u00e4ten up n Derby?&#8220;, wird sie ganz ordin\u00e4r. Erst nach dem Tod ihrer Eltern leistet sie sich einen &#8222;J\u00f6ter&#8220;. Das ist ein Liebhaber, den man wohl fr\u00fcher beim J\u00e4ten auf dem Felde erobern konnte. Lisbeths J\u00f6ter ist allerdings schon \u00fcber die 70. \u201cAber er hat einen sch\u00f6nen Garten mit viel H\u00fchnarn.\u201d Dieser J\u00f6ter ist &#8211; man soll es nicht glauben &#8211;&nbsp;noch so leidenschaftlich, da\u00df er Lisbeth jede Woche mindestens einmal verhaut, was die Liebe nur sch\u00f6ner machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist da noch Riekes Schwester Minna, die von &#8222;Gn\u00e4\u00e4 Fru&#8220; \u201cFieken\u201d und nach ihrer Heirat des Gro\u00df Br\u00fctzer Bauern M\u00f6ller nur noch &#8222;Buerfieken&#8220; genannt wird. Auch sie wagt sich einige Male im Jahr auf die 11 km lange Weltreise von Gro\u00df Br\u00fctz nach Schwerin mit dem &#8222;Milchwagenexpress&#8220;. Schon l\u00e4nger als eine Stunde vor Abfahrt des Zuges rafft sie ihre Sachen zusammen, setzt den hohen Hut auf, steckt die lange Haarnadel hindurch und ger\u00e4t fast in Panik: &#8222;Oh, mien Haut (Hut), mien Daug (Umschlagetuch) un mien Schau (Schuhe). Wo hewk denn nu mien Biljett?\u201d Einige Male fahren auch Rieke und Wilhelm mit ihrem Richard zum Br\u00fctzer Bauern. Johannes M\u00f6ller, so hei\u00dft er, ist eine Seele von Mensch. Beim Essen sagt er zu Richard: \u201cRieke, du fretst \u00f6wer!\u201d, keine Mi\u00dfgunst, sondern nur Freude \u00fcber den Appetit des Jungen. Er selbst ,fri\u00dft jeden Morgen 12 Eier und bleibt d\u00fcnn wie ein Hering. Als Kirchenjurat mu\u00df der Bauer zuweilen Festreden halten. Sie haben stets denselben Wortlaut, den irgendeiner der Zuh\u00f6rer schon vorweg redet: &#8222;Heut ist der Tag; den hat der Herr gemacht. Und daf\u00fcr wollen wir ihm dankbar sein; ja, dankbar wollen wir sein. Tagesarbeit, abends G\u00e4ste, saure Wochen, frohe Feste. Wir sind heute zusammengekommen, um <strong><em>\u2026&#8220;.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von den sonstigen Verwandten ist noch Riekes Bruder Fritz, Kutscher bei Bierh\u00e4ndler B\u00fcnger, zu erw\u00e4hnen. Leider erh\u00e4ngt er sich wegen eines Krebsleidens. Schwester Maria heiratet einen Katzberg. Ihre St\u00e4rke ist ihr frommer Augenaufschlag, um dem Pastor etwas aus dem Klingelbeutel zu locken. Wegen eines Streites um den von den Eltern geerbten wackeligen Tisch spricht man seit Jahren nicht miteinander. Wenn Richard sie trifft, spricht er sie an, damit sie den Kopf feindlich wegwendet. \u201cWir reden nicht mehr miteinander.\u201d Richard sagt dann: &#8222;Un ick snack doch mit di!&#8220; Diese Zeremonie wird in kurzen Abst\u00e4nden wiederholt. Nat\u00fcrlich sind da auch noch die Geschwister von Opa Wilhelm, vor allem Anna W\u00f6hl, die auf dem Markt Fische verkauft, zusammen mit ihrer Tochter. Wenn Richard sie anspricht, und er tut es stets, nimmt der ganze Markt teil. So laut geht es zu. Und Richard freut sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es charakteristisch, von der Zeit zu schreiben, als Richard die 10 Jahre j\u00fcngere Martha heiratet (4.2). Wilhelm und Rieke m\u00f6gen sie schon, \u201c\u00f6wer se hett jo nich arbeiten liert!\u201d, sagt Rieke und will Abhilfe schaffen, was Martha gar nicht so sch\u00e4tzt. Da wird nicht nur beim Gr\u00fcndlichreinemachen gemeinsam gew\u00fctet, sondern auch im Garten vor dem Wittenburger Tor. Sp\u00e4testens morgens um 6 geht es los. Man schuftet bis zum Abend und ist dann \u201cmessnattsweet\u201d (mistig na\u00df von Schwei\u00df). Beeren werden sogar in der \u00e4rgsten Mittagshitze gepfl\u00fcckt. Rieke ist unerbittlich mit sich selbst und erwartet es auch von den anderen. Wenn die nicht wollen, sind ihre Worte nicht die herzlichsten. So ist es wohl kein Wunder, da\u00df Brunos Mutter Martha die Oma Rieke ganz andern sieht als er.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich beh\u00e4lt Oma Rieke den Bruno, wenn seine Eltern sonntags ausgehen. Mit Engelsgeduld l\u00e4\u00dft sie sich die Haare frisieren, rasieren, oder man spielt Eisenbahn mit dem Schiebladenpuff, manchmal auch Karten wie &#8222;66&#8220; und &#8222;Zick&#8220; oder &#8222;Schwarzer Peter&#8220;. Wenn alle Spielideen ersch\u00f6pft sind, m\u00fcssen die alten Spukgeschichten aus dem D\u00fcwelsborn her. Das ist ein tiefer morastiger Einschnitt, durch den die Bahn von Schwerin nach Gro\u00df Br\u00fctz seit Erbauung f\u00e4hrt und immer tiefer einsinkt. Die Ursache f\u00fcr diese seltene Grundlosigkeit ist nat\u00fcrlich der D\u00fcwel (Teufel), den dort schon viele angetroffen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Oma Rieke schmeckt es Bruno immer so besonders gut. Sie kann Dinge kochen, die Martha, seine Mutter, nicht im entferntesten beherrscht, z.B. Steckr\u00fcben mit einer Wurst dazu f\u00fcr einen Groschen, nat\u00fcrlich von Schlachter Jens. Dann Riekes herrliche Mair\u00fcben, aber &#8222;Speckstipp&#8220; und &#8222;Sirupbrotaufstrich&#8220; sind bei Bruno verp\u00f6nt. Rieke und Wilhelm kommen mit 1\/4 Pfund Fleisch die ganze Woche aus und sind auch sonst \u00e4u\u00dferst bescheiden. Zum Geburtstag und zu Weihnachten b\u00e4ckt man einen Platenkuchen aus 5 Pfund Mehl, von dem man, wie Martha richtig erkannt hat, die &#8222;Maulsperre&#8220; bekommt. Bruno sieht das anders, denn er sammelt sich nur die Mandeln oben ab. Zum Fest gibt es durchaus Geschenke, aber nur praktische, denn f\u00fcr Spielzeug hat man nat\u00fcrlich kein Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bitterste Zeit kommt f\u00fcr Wilhelm und Rieke einige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg, als Vadding seinen ersten Schlaganfall bekommt. F\u00fcr eine Invalidenrente hat er zuwenig geklebt. So gibt es nur die Mindestrente und Wohlfahrtsunterst\u00fctzung. Alle Ersparnisse sind, wie schon erw\u00e4hnt, in der Inflationszeit verloren gegangen. Rieke weint jeden Tag: \u201cSnurrers s\u00fcnd wi nu! Dat is mi in de Ihr to nah! (an die Ehre greifend)\u201d. In der Nazizeit gibt es Pakete vom Winterhilfswerk, die mehr verbittern als erfreuen. Silvester 1941, als Wilhelm stirbt, herrscht wieder Krieg. Martha sagt: \u201dRieke hett noch tw\u00f6lf Johr de F\u00f6\u00f6t an n Aben hollen&#8220; (die F\u00fc\u00dfe gegen den Ofen gehalten), bis sie mit 87 Jahren ihrem Wilhelm nachfolgt. Es war ein Leben voll M\u00fche und Arbeit, wenig Ernte und ohne Dank vom Vaterland. Wenigstens brauchte Wilhelm in beiden Weltkriegen nicht zu den Soldaten, weil er nicht der st\u00e4rkste war. Aber er hat f\u00fcr das Milit\u00e4r geschustert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden nun anschlie\u00dfend h\u00f6ren, wie es den Gro\u00dfeltern Hinrichs ergeht, ob ihr Leben zu mehr Zufriedenheit Anla\u00df gibt. Die Antwort &#8222;nein&#8220; darf man wohl vorwegnehmen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button alignright\"><a class=\"wp-block-button__link\" href=\"https:\/\/familie-woehl.de\/?page_id=200\">n\u00e4chste Seite<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beide k\u00f6nnen wir schon mit Bild vorstellen. Die Aufnahme stammt von ihrer Silberhochzeit am 1.November 1914. Sie sind darauf 52 bzw. 48 Jahre alt. Wie erw\u00e4hnt, ist Wilhelm der j\u00fcngste Sohn von Friedrich und Maria W\u00f6hl geb. Vitense aus dritter Ehe. Das sind die mit &#8222;mien Kinner, din Kinner un uns Kinner\u201d. 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