Opa Kais Jugend

Was war in Deiner Jugend angesagt?
Musik? Klamotten?

Für Musik und Klamotten habe ich mich anfangs (später für Klamotten auch nicht) nicht sonderlich interessiert. Hier war es wieder Rita, die die Trends in der Familie setzte, etwa mit Tom Dooley oder mit Heisser Sand Anfang der 60er Jahre sowie sicherlich auch mit schicken zeitgemäßen Klamotten. Da ich die teueren braunen Stoffhosen schnell schmutzig machte und mich nach dem Urteil meiner Mutter genau so wenig vorsehen konnte wie mein Vater, verfiel meine Mutter auf die Idee mir Cord-Knickerbocker anzuziehen.  Die Steigerung Kniebundhosen und Trachtenjacken im von ihr geschätzten Stil von Landbaronen oder bayrischen Trachtlern, und dies in Düsseldorf, konnte ich noch abwehren. In der Schule genügten aber die Knickerbocker und die Pudelmütze, letztere trug ich wegen meines chronischen Schnupfens, um mich zum Exoten zu machen. Irgendwann war das Thema aber dann auch dort durch, und die Knickerbocker ersetzten lange Zeit die vorher im Sommer übliche kurze Lederhose.

Musikmäßig hatte sich die Aufregung über die Beatles und Rolling Stones sowie die zugehörigen langen Haare Mitte der 60er-Jahre wieder etwas gelegt, als ich mir auch ein eigenes Radio und einen Plattenspieler zulegte. Die ersten Platten, die ich mir gekauft hatte, enthielten französische Lieder von Mireille Mathieu, die damals gerade als die Nachfolgerin von Edith Piaf, deren Lieder ich auch gemocht habe, entdeckt worden war. Hier zwei ihrer damaligen Lieder: Mon Crédo oder Qu’elle est belle. Über Mittelwelle in relativ schlechter Qualität hörte ich auch Radio Luxemburg, wo damals u.a. Frank (Elstner) und Dieter (Thomas Heck) das Programm mit aktuellen Hits im Stil vom heutigen BR3 gestalteten. Ich selbst mochte die soften Lieder der australischen Gruppe „The Seekers“ mit ihrer Lead-Sängerin Judith Durham, von denen im Radio nur die wenigen Titel gespielt wurden, die es in die britische Hitparade schafften, z.B „The Carnival ist over„. Von meinem Vater wurde das sofort als Variante des alten russischen Volkslieds „Stenka Razin“ entlarvt. Auf meiner Moped-Reise nach London habe ich eine Platte (EP mit 4 Titeln, eine Langspielplatte LP war zu teuer) mitgebracht. Ich glaube, „I’ll never find another you“ war darauf.

Als ich mich später für die Proteste gegen die Rassendiskriminierung in den USA durch Martin Luther King, den Vietnam-Krieg und hierzuland gegen die Notstandsgesetze u.ä. interessierte, bin ich natürlich auch auf Joan Baez, Bob Dylan u.a. gestoßen. Über Schulfreund Guido kam ich darüberhinaus auch an Platten von Donovan und Jimi Hendrix.

Wann hattet ihr den ersten Fernseher?
Was sind die Fernsehsendungen, an die du gerne denktst?

Meine Eltern haben sich wegen der vermeintlich nachteiligen Auswirkungen auf uns Kinder erst 1962 dazu entschlossen, einen Fernseher anzuschaffen. Es war dann auch ein Standgerät, das vorne Türen zum Abschließen hatte, was aber nie praktiziert wurde. Das Nachmittagsprogramm war ziemlich uninteressant, auch die Kindersendungen dort. Abends mussten wir, wenn Schule war, ohnehin weiterhin um 8 Uhr im Bett sein und durften allenfalls noch etwas lesen. Also blieb nur das sogenannte „Intermezzo“-Programm mit Werbung und harmlosen Serien, wie z.B. die amerikanische Donna-Reed-Serie „Mutter ist die allerbeste“ oder die für mich damals schwer zu verstehende bayrischen Serie „Funkstreife Isar 12“ und „Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger„. Hinzu kamen die amerikanischen Kinderserien am Sonntagnachmittag wie Lassy, Fury, Corky und der Zirkus, Rin-Tin-Tin, Mr. Ed u.ä., die wir schon von den regelmäßigen Besuchen am Sonntag bei Freund Helmut oder Ritas Freundin Annette kannten. Am späteren Sonntagnachmittag musste dann vor allem meine Mutter „Bonanza“ mit dem tollen Vater „Ben“ sehen (siehe Bild rechts). Leider war es ihr nicht vergönnt, dass einer ihrer männlichen Nachkommen diesen Namen bekam. An den Weihnachtsfeiertagen waren die Immenhof-Filme schon damals Pflichtprogramm. Zudem gab es ab und zu Heinz-Rühmann- und auch Revue-Filme aus den 30er-Jahren mit dem Schwarm meines Vater Marikka Röck oder Zarah Leander.

Was habt ihr in den Ferien gemacht?
Wo hast du das erste Mal gejobbt?

Wie schon berichtet, verreiste mein Vater sehr gern, allerdings kam nur das Zelten oder ein günstig von Bekannten zu nutzendes Ferienhaus in Frage, da man in jedem Fall selbst kochen können musste und die Unterkunft so wenig wie möglich kosten durfte. Ein anderes attraktives Urlaubsziel für meine Mutter und uns Kinder waren meine Großeltern in Altdöbern in die DDR oder, wie es bei uns hieß, in die Zone. Die Liste der Ferienreisen in Kindheit und Jugend, die ich sehr gemocht habe und die ich heute noch gut erinnere, ist lang:

  • 1954 nach Altdöbern und Schwerin (siehe Bild rechts mit Rita und mir auf dem Pferd, das von Tante Friedas 2. Mann Wilhelm gehalten wird, dahinter Oma Rüchel und meine Mutter)
  • 1956 Camping-Rundreise mit DKW und selbst genähtem Zelt durch Dänemark (Bilder mit neuem Zelt, von der Fähre, Auto und Armee-Zelt auf Romö)
  • 1957 Kurzurlaub Listertalsperre, Sommerurlaub im Ferienhaus auf Romö
  • 1958 Mein Vater fährt allein in die Lüneburger Heide, Weihnachten auf Römö (auf der Rückfahrt bleiben wir nachts in Schneewehe stecken)
  • 1959 Sommerferien zuerst in Altdöbern, dann Oostkapelle in Holland, Weihnachten wieder auf Römö
  • 1960 Zelten in der Lüneburger Heide (Müden/Örtze) (siehe Film unter Opa Kais Kindheit),
    Weihnachten wieder auf Römö
  • 1961 Ferien in Taarstedt (Mauerbau)
  • 1962 3 Wochen Schullandheim Hitzenlinde im Allgäu, Thülsfelder Stausee mit Boot und Fahrrädern; Ferienhaus am Edersee im Herbst
  • 1963 Osterferien auf Römö; Sommerferien auf der Schleiinsel Kieholm; Ferienhaus am Edersee im Herbst
  • 1964 Osterferien wieder auf Römö; Sommerferien in Missunde an der Schlei (siehe Film über Paddelmaschine unter  Opa Kais Kindheit);
  • 1965 Camping-Urlaub mit den Eltern auf Samsö war Ausgangspunkt für eine erste eigenständige Fahrrad-Rundreise mit Rita durch Dänemark mit Übernachtung in Jugendherbergen; erste Moped-Reise durch Holland zum Ende der großen Ferien; Schulfahrt im September nach Lenggries; Moped-Fahrt durch die Eifel nach Luxemburg in den Herbstferien
  • 1966 Mopedfahrt durch Belgien nach London in den Pfingstferien; Mopedfahrt mit ehemaligem Schulfreund nach Südschweden in den Sommerferien; auf der Rückfahrt Treffen der Eltern und Geschwister am dänischen Sallingsund in Jütland;
  • 1967 Pfingstbesuch der Großeltern in Altdöbern; Sommerferien mit Eltern und Geschwistern auf Texel (erste Nutzung des eigenen Autoführerscheins unter Aufsicht meines Vaters); Herbstferien in Bringhausen am Edersee
  • 1968 im Frühjahr erste Fahrt im eigenen Auto mit Oma Martha und ihrer Vermieterin nach Rothenburg ob der Tauber; nach dem schriftlichen Abitur Autofahrt mit Rita nach Paris; nach Abitur und vor Bundeswehrzeit Camping-Reise mit Schulfreund Guido Schönfelder und Theo Reuß über die Alpen an die italienische Riviera und französische Cote d’Azur
  • 1969 Pfingsten während der Bundeswehrzeit Camping-Reise mit Rita und Freundin Ruth nach Paris

Abgesehen von der vereinzelten Vertretung meines Freundes Helmut Fockenrath beim Kegelaufsetzen in einer nahegelegenen Gastwirtschaft oder Zeitschriften austragen habe ich in den Ferien das erste Mal Anfang der 1960er Jahre im Konsum gejobbt. Dies war bereits ein Selbstbedienungsladen, und ich musste Waren in den Regalen auffüllen oder frisches Obst und Gemüse in Netze füllen. Da ich ja begeisterter Aquarianer war, arbeitete ich später ab und zu in einer Zoohandlung, wo ich verkaufte, die Tiere fütterte oder Aquarien sauber machte. Nachdem ich im Stenographenverein Schreibmaschine schreiben und Kurzschrift gelernt hatte, brachte Aushilfsbüroarbeit bei der Landesversicherungsanstalt oder auch bei Thyssen mehr ein.

Hattest du Fahrrad, Mofa oder Motorrad? Wie habt ihr euch als Jugendliche fortbewegt?

Nach dem Ballonroller bekam ich ein oder zwei Jahre später ein neues schönes Fahrrad, das aber aus Kostengründen nicht über die erhoffte, damals gerade aufgekommene 3-Gang-Torpedo-Nabenschaltung verfügte. Lange hatte ich das Fahrrad nicht. Einen junger Mann täuschte eine Beinverletzung vor und bat um das Fahrrad zur Stütze. Ich gab dem nach, er setzte sich drauf und führ auf nimmer wiedersehen davon. Mein Vater machte mir dann ein altes schwarz lackiertes Herrenfahrrad von Post wieder flott, das ich dann viele Jahre fuhr.

Der Weg zum Lessing-Gymnasium war zum Laufen zu weit und so war ich stolz, eine Monatskarte für den öffentlichen Bus zu bekommen, mit der ich auch in die Nähe der Düsseldorfer Innenstadt fahren konnte. Da die Fahrkarte nicht ganz billig war, kam ich bald auf die Idee, lieber mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren und das Geld mir bar auszahlen zu lassen. Nach einiger Überredung ließen meine Eltern sich auch darauf ein.

Mofas waren zu meiner Zeit noch nicht sehr verbreitet. Aber schon vor meinem 16. Geburtstag besorgte mir mein Vater ein altes Rabeneick- Moped von der Post, das ein Kollege hergerichtet hatte. Vom Aussehen entsprach es nicht so ganz dem Zeitgeschmack, aber ich war stolz darauf und probierte es immer wieder auf den Feldwegen im nahen Hamm aus. Einen Führerschein konnte ich ja erst mit 16 machen. Die Prüfung sah ich als langjähriger Fahrradfahrer als reine Formsache an und fiel aus allen Wolken, als ich sie nicht bestand und wiederholen mußte. Mit dem Moped habe ich in den Ferien viele Reisen gemacht, durch die Benelux-Staaten, nach London und auch bis nach Südschweden (siehe oben).

Musstest du oft  zu Hause helfen?

Nein! Meine Mutter war auf Wunsch meines Vaters, den sie auch zu ihrem eigenen machte, Hausfrau. Zudem half meine Oma, die ja bis Mitte der 1960er Jahre mit im Haushalt lebte und rüstig war, tatkräftig mit.

Was war dein erstes Auto? Wohin ging die erste Reise damit?

Mein erstes Auto war ein gebrauchter VW-Käfer von der Post, den mein Vater mit Hilfe von Arbeitskollegen und mir wieder sehr gut herrichtete. Ähnlich wie vorher beim Moped war ich gar nicht begeistert von der meiner Meinung nach übertriebenen Restauration, bei der ich die Neulackierung vor allem durch laufendes Schleifen der alten Lackschicht und Spachtelarbeiten vorbereiten musste. Kurz vor Fertigstellung war ich so entnervt, dass ich das Auto nicht mehr haben wollte. Da die meiste Arbeit ja gemacht war, habe ich es mir dann doch noch anders überlegt. Auf der erste Reise mit dem neuen Gefährt kutschierte ich im Frühjahr 1968 meine Oma und ihre Vermieterin dann nach Rothenburg op der Tauber, wo die Damen standesgemäß im Hotel Roter Hahn abstiegen, der Fahrer aber mit der Jugendherberge vorlieb nehmen musste. Wenig später folgte eine Reise mit Rita nach Paris sowie nach dem Abitur kurz vor Beginn der Bundeswehrzeit eine Reise mit zwei Schulfreunden über die Alpen an die italienische Riviera und französische Cote d’Azur. Das Bild mit meinem Käfer wurde auf dieser Fahrt am Vierwaldstätter See aufgenommen

An was aus deiner Jugend kannst du dich sonst noch erinnern?

An die politischen Ereignisse jener Zeit:

  • seit Kindertagen Angst vor einem Atomschlag zuerst von amerikanischer Seite wie in Japan, den mein pessimistischer Vater auch vor dem Hintergrund des Morgenthau-Plans aus dem letzten Kriegsjahr oft vorhersagte, später im Rahmen eines Atomkriegs zwischen Amerika und der Sowjetunion
  • reale Kriegsangst beim Mauerbau am 13. August 1961, als meine Mutter mit uns Kindern in Taarstedt in Urlaub war und wir die Ereignisse des Sonntags am Kofferradio verfolgten und überlegten, ob es besser wäre, wenn mein Vater, der zuhause in Düsseldorf war, nachkommen sollte oder wir heimkehren sollten
  • Kuba-Krise im Oktober 1962 mit dem Ultimatum an die Sowjet-Union, das konkret einen Atomkrieg auslösen konnte
  • Begeisterung für John F. Kennedy speziell während seines Deutschlandbesuchs im Sommer 1963 und Bestürzung bei seiner Ermordung Ende des Jahres
  •  amerikanische Rolle im Vietnam-Krieg, die ich noch bei einer Veranstaltung auf Einladung des Altdöberner Bürgermeisters an Westbesucher während meines DDR-Besuch 1967 noch verteidigte – meine damalige verwerfliche Haltung wurde sogar einen Bericht in der dortigen Zeitung erwähnt – ; in den 1970er Jahren hatte ich die entgegengesetzte Einstellung.
  • Zweifel, ob ich meinen 18-monatigen Grundwehrdienst ableisten oder Kriegsdienstverweigerer werden sollte; letztlich überzeugten meine Eltern mich damals, zur Bundeswehr zu gehen, weil es gegenüber dem Zivildienst das kleinere Übel wäre, vor allem aber sich nicht negativ auf meine späteren beruflichen Chancen speziell im sicheren Staatsdienst auswirken würde; während meines Studiums später anlässlich der Einberufung zur 1. Wehrübung habe ich dann doch den weiteren Wehrdienst verweigert und wurde auch als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.
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